Rocco Siffredi «In Pornos bin ich ich selbst»

Von Walter De Gregorio und Haas&Castelberg (Bild)

Wovon Männer träumen und bei klarem Verstand zurückschrecken – Rocco Siffredi tut’s. Der Italiener gab in 1300 Nacktfilmen sein Bestes. Nun stöhnt der Familienvater nur noch, wenn seine Darsteller Eleganz vermissen lassen.

Mindestens 4000 Frauen wissen, dass er unmöglich Lokführer werden konnte: Sexkünstler Siffredi.
Rocco Siffredi, seit zwanzig Jahren sind Sie im Pornogeschäft. Hemmungen haben Sie vor der Kamera nur, solange Ihre Hose zugeknöpft bleibt. Wieso?
Rocco Siffredi: Wer sagt, dass ich Hemmungen habe?

Die Abstecher ins seriöse Fach hätten Ihnen ganz schön zugesetzt, gestanden Sie nach der Teilnahme an verschiedenen Kinofilmen.
Rocco Siffredi: Als ich 1999 mit Catherine Breillat mein Debüt in einem normalen Film gab, war mir nicht bewusst, worauf ich mich eingelassen hatte. Ich habe insgesamt in etwa 1300 Pornofilmen mitgemacht. Dabei musste ich immer nur meinen Körper einsetzen. Ich habe unterschätzt, was es bedeutet, eine Rolle wirklich zu spielen, sich in eine andere Psyche hineinzuversetzen. In Pornos bin ich ich selbst. Ich muss keine Gefühle spielen, ich muss nicht nach Drehbuch weinen oder lachen. Ich muss eine Erektion haben, mehr nicht.

Das ist weniger intim als ein Lächeln vor laufender Kamera?
Rocco Siffredi: Auf eine gewisse Weise schon. Das ist im Alltag nicht anders. Wer Gefühle zeigt, gibt etwas von sich preis, etwas sehr Persönliches, sehr Intimes. Auf dem Pornoset bin ich Rocco Siffredi, ich werde in Zentimeter gemessen. In Catherines Filmen musste ich lernen, mich zu öffnen. Die Seele zu entblössen, ist schwieriger, als die Hosen runterzulassen.

Ist das der Grund, weshalb Sie nicht wieder im Feuilleton arbeiten wollen?
Rocco Siffredi: Ich habe nie gesagt, dass ich nicht ab und zu in normalen Filmen mitwirken möchte. Allerdings habe ich auch erkennen müssen, dass es für einen Pornodarsteller fast unmöglich ist, ins seriöse Fach zu wechseln. Das hat zum einen mit Vorurteilen zu tun. Viele Regisseure glauben, wir seien alles Deppen, die nichts anderes können, als herumzurammeln. Zum andern ist es so, dass tatsächlich wenige Pornodarsteller ein schauspielerisches Talent haben, geschweige denn eine entsprechende Ausbildung. Auf einem normalen Filmset ist jeder in seinem Bereich ein Profi, der Kameramann, der Lichtingenieur, der Tonmeister. Im Porno wird vieles improvisiert, es wird herumgealbert, jeder macht mehr oder weniger, was er will.

Die Filmemacherin Catherine Breillat hat Sie dennoch engagiert – nur um einen Skandal zu provozieren?
Rocco Siffredi: Das müssen Sie Catherine fragen. Ich jedenfalls bin ihr dankbar für diese Erfahrung. Sie hat mich als Schauspieler so herausgefordert wie nie zuvor ein Regisseur. Die Rolle eines Schwulen zum Beispiel, in «Anatomie de l’enfer», hat mich extrem durchgeschüttelt. Nicht weil ich einen Mann küssen musste, sondern weil ich einen verzweifelten Menschen spielen musste, der die Tränen unterdrückt. Wir mussten die Szene achtmal wiederholen. Nach dem Dreh habe ich gemerkt, dass man irgendwie verletzt und verwirrt zurückbleibt. Ich hatte drei Wochen lang Alpträume, musste Schlafmittel nehmen, ich war innerlich aufgewühlt.

Der «italienische Hengst», der einen Schwulenpart übernimmt, ist nicht leicht zu verdauen für eingefleischte Fans. Fürchteten Sie nicht um Ihr Image?
Rocco Siffredi: Ich persönlich hatte kein Problem damit, aber es gab tatsächlich Leute, die mir von dieser Rolle abrieten. «Wie kannst du nur, Rocco? Du bist unser Vorbild.» Die grössten Moralisten verstecken sich in der Pornobranche. Ein Regisseur hat mich mal als Frau verkleidet, mit Perücke und High Heels. Ich sollte von vier Frauen vergewaltigt werden. Die Idee machte mich an, es wurde auch eine extrem scharfe Szene. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich danach von einzelnen Leuten kritisiert wurde. «Du bist der Superstecher, Rocco, das kannst du doch nicht machen.» – «Leckt mich am Arsch», habe ich gesagt, «ich mache, wozu ich Lust habe.» Ich bin nicht schwul, doch wenn ich’s wäre, umso besser, ich würde noch viel mehr ausprobieren.

Vergebene Liebesmüh. Ein deutsches Nachrichtenmagazin brachte kürzlich eine Titelstory zur Evolutionsgeschichte des Sex. Gegen das Treiben der Honigbiene, so das Fazit, nimmt sich jeder Porno gesittet aus.
Honigbienen?

Rocco Siffredi: Ich zitiere: «Wer von den Drohnen es schafft, die Königin zu besamen, dem sprengt es den Hinterleib entzwei, wobei sein Genital in der Königin stecken bleibt.»
«Hey, Omar» (er wendet sich an einen Pornodarsteller, der soeben ins Hotelrestaurant tritt und schlaftrunken zum Frühstücksbuffet schlendert), «ich habe heute eine neue Szene für dich.» Im Ernst: Das Problem sind nicht die Sexpraktiken. Das Problem ist, dass immer mehr und billiger produziert wird. Hausfrauenfick, die geile Nachbarin, der ganze Amateurbereich – das ist die pornografische Version der TV-Reality-Shows. Die Folgen für uns Profis sind verheerend. Seit ein paar Jahren muss ich immer doppelt so viele Mädchen zum Casting aufbieten, als für den Film nötig sind. Viele Mädchen kommen arbeitsunfähig zum Set, weil ihnen noch alles weh tut.

Ist es nicht umgekehrt? Die Frauen werden vorübergehend arbeitsunfähig, weil Sie mit Ihnen gedreht haben? Sie stehen im Ruf, zu harten Sex zu praktizieren.
Rocco Siffredi: Was Kritiker mit «hart» umschreiben, ist Leidenschaft. Ich bin mit Herz dabei, im Gegensatz zu andern, die mechanisch ficken. Ich habe immer gesagt: Die Kunst in unserem Beruf ist es, sich in einem Meer von Scheisse zu bewegen, ohne unterzugehen. Seit zwanzig Jahren mache ich diesen Job, ebenso lang versucht man, mich fertig zu machen. Zuerst mit dem Vorwurf, ich sei zu extrem. Dann wurde behauptet, ich hätte Aids. Obwohl ich immer wieder Tests vorgewiesen habe, hielt sich das Gerücht hartnäckig. Schliesslich hat man versucht, mir eine Minderjährige mit gefälschtem Pass aufs Set zu schicken. Wenn etwas extrem ist in unserer Branche, dann der Neid der Kollegen.

Und trotzdem standen Sie zwanzig Jahre vor der Kamera.
Rocco Siffredi: Ja, weil es letztlich das war, was mir am meisten Spass gemacht hat. Mein Vater ist achtzig Jahre alt, er hat Parkinson. Um zehn Meter zurückzulegen, braucht er eine halbe Stunde. Zeigst du ihm eine nackte Frau, legt er die Strecke in zwei Sekunden zurück. Er beklagt sich, dass er nur noch zweimal Sex hat die Woche. Mein Grossvater zeugte 27 Kinder mit zwei Frauen. Ich konnte unmöglich Lokführer werden.

Ihre katholische Mutter hätte Sie gerne als Priester gesehen.
Rocco Siffredi: Das stimmt. Im Nachhinein kann sie aber froh sein, bin ich es nicht geworden. Ich hätte vielleicht etwas weniger gefickt, dafür vermutlich mit Knaben und Minderjährigen. Was in letzter Zeit an die Öffentlichkeit gelangte, überrascht mich nicht. Dann doch lieber mitmachen im Porno, das ist ehrlicher.

Denkt Ihre Mutter auch so?
Rocco Siffredi: Jede Mutter will, dass ihre Kinder glücklich sind. Ich bin mit siebzehn von zu Hause weg, habe bei meinem Bruder in Paris in einer Pizzeria gearbeitet. Vier Jahre später habe ich meinen ersten Porno gedreht. Seit ich das erste Mal masturbierte, wollte ich ein Pornostar werden. Ich schaute mir die Sexhefte an, die die Lastwagenfahrer aus dem Fenster geschmissen oder auf einer Toilette liegen gelassen hatten. Ich dachte, ständig ficken und erst noch bezahlt werden dafür, das ist das Paradies.

Klang vorher eher wie die Hölle.
Rocco Siffredi: Es ist keine perfekte Welt, aber trotzdem eine sehr lustvolle. Als ich meinem Bruder davon erzählte, dachte er zuerst, ich spinne, dann hat er mir in Paris die Adresse von Swingerklubs besorgt. Dort kam ich mit den richtigen Leuten in Kontakt. Mit einer solchen Karriere des Sohnes kann man als Mutter nicht prahlen, aber meine Mutter hat sich nie darüber beklagt. Das Einzige, was sie sagte: «Bist du glücklich dabei? Dann ist’s gut.»

Seit letztem Jahr arbeiten Sie nur noch als Produzent und Regisseur. Können Sie sich nach all den Jahren noch dafür motivieren
Wäre ich unglücklich, würde ich das ganze Theater sicher nicht mehr mitmachen. Bei einem Casting zum Beispiel geht es nicht nur darum, wer am besten bläst. Es ist eine Frage des Feelings. Im Vergleich zu früher bin ich vielleicht etwas ungeduldiger geworden. Wenn eine Sexbombe sich vorstellt und sagt, Blasen, Schlucken, Anal, Doppelpenetration, Pissing, dann winke ich gleich ab. Sie würde zwar alles machen, aber so mechanisch, wie sie ihr Programm runterleiert. Ein guter Pornostar hat in erster Linie viel Fantasie und dann, wenn möglich, einen attraktiven Körper. Ich weiss nicht, wie ich sonst sechs Stunden lang neben Caroline Ducey meine Erektion hätte halten können. Die Frau hat alles getan, um mich abzutörnen.

Sie beziehen sich auf «Romance X», Ihren Debütfilm im Kino. Damals sollen Sie das einzige Mal in Ihrer Karriere schlappgemacht haben.
Rocco Siffredi: Das hätte die Ducey gerne gehabt. Nein, von abends um neun bis morgens um drei habe ich trotz dieser Zicke durchgehalten. Ich habe mir fünfzig Millionen Fantasien zurechtgebastelt, um keinen Hänger zu bekommen. Am Schluss blieb mir der Blick der Kameraassistentin, der Einzigen, die mich ansah. Ihr haben die Zuschauer den Ständer zu verdanken, den man im Film am Schluss doch noch sieht.

Die Hauptdarstellerin Caroline Ducey blieb bis zuletzt eiskalt?
Rocco Siffredi: Ja, sie musste ja nicht wirklich scharf werden. Diesen Part hatte ich alleine. Und trotzdem musste ich mich irgendwie in Stimmung bringen. Ich habe sie nur einmal am Fuss berührt. Sie nahm mit spitzen Fingern meine Hand und legte sie weg. «Tu fais ton boulot, je fais le mien.» Ich habe sie zum Teufel geschickt und wollte das Studio verlassen. Dasselbe passierte mir mit Amira Casar in «Anatomie de l’enfer». Sie begrüsste mich und sagte: «Du kommst mir mit deinem Ding nicht näher als zwei Meter.» – «Vaffanculo, zuerst holt ihr mich, dann habt ihr Angst, euren schönen Ruf zu versauen.» Die Schwester von Roman Polanskis Frau, ich weiss nicht mehr, wie sie heisst, aber sie ist eine gute Schauspielerin, sie hätte den Part von Amira Casar übernehmen sollen. Als sie erfuhr, dass ich ihr Filmpartner bin, hat sie verzichtet. «Ich lasse mir doch nicht von Rocco Siffredi die Pussy kaputtmachen.»

Kann man ihr nicht übel nehmen.
Sie war wenigstens konsequent, im Gegensatz zu Leuten wie Amira Casar. «Du weisst», sagte Amira zu mir, «ich habe mit Gwyneth Paltrow gedreht. Hollywood, tu comprends? Hollywood.» – «Dann lass dich doch in Hollywood in den Arsch ficken, blöde Ziege.» Sie redete mit mir, als sei ich bescheuert. Würde Vincent Cassel sie durchbumsen, wäre das «art». Mach ich das, ist es Porno. Diese Verlogenheit ist zum Kotzen.

Als ich mich per Telefon im Hotel nach Ihnen erkundigte, sagte die Besitzerin, eine Filmcrew von Carlo Verdone sei hier am Drehen. Verdone macht in Italien Familienkomödien fürs Nachmittagsprogramm. Die Verlogenheit finden Sie auch hier.
Ich finde das weniger schlimm als das, was uns im Hotel passiert ist, in das wir eigentlich hätten gehen sollen, wenige Fahrminuten von hier entfernt. Alles war per Telefon gebucht worden, es fehlte nur noch eine schriftliche Bestätigung unsererseits. Als der Hotelmanager das Fax erhielt, auf dem der Name unserer Produktionsfirma stand, hat er uns wieder ausgeladen. Rocco Siffredi und Team seien nicht erwünscht. Dass man im Hotel unsere Pornos am Pay-TV sehen kann, stört hingegen niemanden, am wenigsten den Hotelmanager, der bei jedem Streifen mitkassiert.

(Er unterbricht das Interview und fährt zum Drehort in einer alten Villa am Comersee. Neun Stunden später sitzt er in der Hausbibliothek des Hotels, sichtlich zufrieden.)

Sie wirken entspannter als heute Morgen beim Kaffee. Ihr Arbeitstag war erfolgreich?
Rocco Siffredi:Die Location ist einfach wunderbar. Wir haben im Park ein paar ganz heisse Aufnahmen gemacht.

Einer der Jungs, so schien es mir, hatte trotz Viagra gewisse Schwierigkeiten. Ist sehr beruhigend, dass das auch einem Profi passieren kann.
Es war kalt, zugegeben, aber ein richtiger Profi kriegt auch im Schnee einen hoch. Das Problem ist, dass man wahre Profis an einer Hand abzählen kann. Es sind fünf, sechs auf der ganzen Welt.

Und woran erkennen Sie den Profi, wenn’s mal nicht schneit?
Rocco Siffredi: Der wahre Profi in unserem Business ist der, der auf dem Set seine persönlichen Präferenzen vergisst und sich auf jeden Typ Frau einlässt. Eine Superfrau kann jeder ficken, eine potthässliche nur ein richtiger Profi. Wichtig ist auch, dass man alle Arten von Stress verdrängen kann, «u’ cazzo nun vole pensieri», sagt man in Napoli, der Schwanz kann keine Probleme gebrauchen. Die Bescheidenheit ist eine weitere Qualität des Profis. Wer sich auf dem Set als Superrammler gebärdet, macht meistens als Erster schlapp. Entscheidend aber ist, dass man mit der Frau ein Feeling aufbauen kann.

Man fragt sie nach ihrer Lieblingsfarbe?
Rocco Siffredi: Sie lachen, aber die Psyche ist auch im Porno entscheidend. Willst du einer Frau in den Arsch, musst du zuerst in ihren Kopf eindringen. Auf dem Set streckt dir jede den Hintern entgegen, aber nur wenige machen es wirklich mit Leidenschaft. Die Augen alleine verraten dir, ob jemand wirklich scharf ist.

Spielentscheidend im Porno ist doch nur die eine Frage: Wer hat den Längeren?
Rocco Siffredi: Ein grosser Schwanz ist für die Glaubwürdigkeit hilfreich. Wenn eine Frau bei einer Analszene in Ekstase gerät, aber der Typ, der sie fickt, hat nur einen Zahnstocher, dann wirkt das lächerlich. Ansonsten, denke ich, ist die Penisgrösse vor allem ein Medienthema. Es seid ihr Journalisten, die immer wissen wollt, wie lang mein Schwanz ist. Ich bin überrascht, dass Sie mich noch nicht danach gefragt haben.

Ich habe mir die Frage eigentlich für den Schluss aufgehoben. Aber wenn wir schon dabei sind: Wie lang ist er? Die Quellenangaben sind ja sehr unterschiedlich.
Rocco Siffredi: 23 Zentimeter.

In meiner Dokumentation steht: 24 bis 36 Zentimeter.
Rocco Siffredi: Es sind 23, und wenn mir eine Frau besonders gut gefällt, dann sind es vielleicht 24. Wenn das Blut schneller als üblich in die Hose schiesst, hat man das Gefühl, er sei an diesem Tag besonders gross.

Amerikanische Forscher haben erst vor kurzem eine sichere Messmethode für die Kondomindustrie entwickelt. Wieso sind Sie sich bei Ihrem Längenmass so sicher?
Rocco Siffredi: Weil es nur eine Messmethode gibt, die zählt: Man muss vom Bauch her messen. Ich bin sicher, dass einige Ihrer Leser jetzt gleich zum Meter greifen werden. Denen möchte ich sagen: Ihr könnt auch von den Eiern her messen oder das Messband beim Hintern ansetzen. Wenn eure Frau dann aber plötzlich mal einen Dildo kauft, wird sie sich bei der Masseinheit nicht vertun. Dildos stimmen nämlich immer. Ich habe von meiner Erektion einen Gipsabdruck gemacht, der als Vorlage diente für eine eigene Dildoserie. Es gibt den Rocco-Siffredi-Dildo für Fortgeschrittene, der dem Original entspricht, und einen Dildo für Anfänger, der fünf Zentimeter kleiner ist. Schon der kleine ist für den Alltagsgebrauch mehr als genug.

Wegen Viagra wird der sportliche Wettbewerb in Ihrem Kerngeschäft verfälscht. Jeder kann sich heute einen stattlichen Gipsabdruck machen lassen. Sollte man auf dem Set nicht auch endlich Dopingkontrollen einführen?
Rocco Siffredi: Wenn es nach mir ginge, würde ich Viagra auf dem Set tatsächlich verbieten. Es verschafft den Darstellern zwar einen Dauerständer, nimmt ihnen aber die Geilheit. Wer sich auf natürliche Art erregt, hat diesen tierischen Ausdruck in den Augen, den ein Viagra-Junkie nie haben wird. Kommt hinzu, dass Viagra den Höhepunkt unglaublich in die Länge ziehen kann. Es ist möglich, dass einer eine halbe Stunde rubbeln muss, bis er endlich kommt. Das ist langweilig und törnt die Zuschauer ab.

Neunzig Prozent der Männer masturbieren. Sie selber gehören vermutlich zu den zehn Prozent, die es nicht mehr nötig haben?
Rocco Siffredi: Stimmt nicht. Auch ich mache es regelmässig. Die Masturbation ist etwas, was einem ganz alleine gehört. Selbstbefriedigung ist ja nicht nur eine Kompensation für etwas, was man nicht kriegt. Es hilft, sich zu entspannen, Stress abzubauen oder sich ganz einfach einen schönen Moment zu gönnen. Auch meine Frau masturbiert regelmässig.

Sie sind seit fünfzehn Jahren verheiratet, haben zwei Kinder. Keine taufrische Frage, aber wie trennen Sie Sex und Liebe?
Rocco Siffredi: Es gab eine Zeit in meinem Leben, da dachte ich, alle Frauen seien gleich. Ich fickte im Schnitt fünfundzwanzig Tage im Monat, nur Prostituierte und Pornostars, reiste von einem Set zum anderen. Ich war überzeugt, die Frauen wollten nur das eine. In einer abgeschotteten Welt verliert man schnell den Kontakt zur Realität. Das gilt für den Porno ebenso wie für den Spitzensport oder die hohe Politik. Man bewegt sich immer unter seinesgleichen, man hat keine anderen Referenzgrössen. Zum Glück habe ich meine Frau kennen gelernt. Sie war Miss Ungarn, bewegte sich also auch in einer abgeschotteten Welt. Immer nur Fotoshootings, Schönheitswettbewerbe, Partys. Und doch war sie anders.

Gibt es denn bei Ihnen zu Hause auch Eifersuchtsszenen?
Rocco Siffredi: Ich hätte mal in einem seriösen Film die Rolle eines Verliebten spielen müssen. Keine Sexszene, nichts. Die Dreharbeiten hätten drei Monate gedauert. Meine Frau hat mir davon abgeraten. Sie befürchtete, dass ich mich wirklich in die Filmpartnerin verlieben würde. Das hätte sie nicht ertragen. Meine Arbeit auf dem Pornoset war ihr hingegen immer egal.

Würde es Ihnen was ausmachen, wenn Ihre Frau mit anderen Männern schliefe?
Rocco Siffredi: Nicht wegen des Sex an sich. Ein guter Fick ist wie ein guter Teller Spaghetti. Ein Genuss, mehr nicht. Mit jemandem zu schlafen, den man liebt, hat eine andere Qualität. Solange sich meine Frau also nur mit einem anderen Mann vergnügen will, kann ich das akzeptieren. Wenn sie plötzlich Gefühle für den Typen bekommen würde, hätte ich aber ein Problem damit. Ich glaube, es ist vor allem die Angst, sie zu verlieren, die mich aufwühlen würde.

Es ist eine Frage des Besitztums?
Rocco Siffredi: Nein, ich bin nicht possessiv. Aber ich liebe meine Frau und will sie nicht verlieren. Wenn sie mit einem anderen Mann schliefe, würde ich mir dieselben Fragen stellen wie andere auch: Fehlt ihr was? Genüge ich ihr nicht mehr? Frauen sind um einiges anspruchsvoller als Männer. Uns muss man zwei Pussys geben, und wir sind im Paradies. Frauen sind kopfgesteuert. Wenn sich eine Frau auf eine Geschichte einlässt, steckt meistens mehr dahinter als nur die Suche nach dem schnellen Vergnügen.

Wie viele Freundschaften hat Ihre Libido zerstört?
Rocco Siffredi: Überhaupt keine. Gerade weil ich diesen Job mache, habe ich gelernt, mich zu kontrollieren. Ich habe es nie mit der Frau eines Freundes getrieben, im Gegensatz zu vielen anderen, die nicht im Porno arbeiten.

In der Branche munkelt man, Ihre Frau habe Sie zur Beendigung Ihrer aktiven Laufbahn gedrängt.
Quatsch. Man wollte sogar meinen Rücktritt dazu benützen, mich fertig zu machen. Es hiess, ich würde keinen mehr hochkriegen und dergleichen. Die Wahrheit ist: Ich stand zwanzig Jahre lang vor der Kamera, das ist mehr als genug. Als ich meiner Frau sagte, ich würde aufhören, fragte sie mich, ob ich mir das wirklich gut überlegt hätte. Sie wisse nicht, ob sie meinen Hormonhaushalt alleine verwalten könne. Ich habe herzhaft gelacht.

Lachen Sie jetzt immer noch?
Rocco Siffredi: Ich habe keine Entzugserscheinungen, wenn Sie das meinen. Ich fahre jetzt etwas rabiater Motocross und mache den Helikopterschein, aber sonst nütze ich die freie Zeit, um mit meiner Familie zu sein. Ein Freund hat mir mal gesagt, wenn ich nach Kuba ginge, würde ich meine Frau sofort verlassen. Ich fragte ihn, ob die Frauen dort quadratische Muschis hätten. Alles andere habe ich schon gesehen.

Bedauern Sie das
Rocco Siffredi: Ich bedauere die Jungs, die jetzt heranwachsen. Auch sie haben schon alles gesehen, was bleibt ihnen noch? Wir leben heute in einer übersexualisierten Welt, die nicht antörnt, sondern abstumpft. Im Internet kann man runterladen, was man will. Wo liegt da noch der Reiz? Ich erinnere mich, als ich jung war: Sommerferien in Rimini. Einen halb nackten Busen zu sehen, ein leicht entblösstes Hinterteil, das war das Geilste überhaupt.

Sind Sie nicht mitverantwortlich für diese Entwicklung?
Rocco Siffredi: Pornos gab’s immer schon. Das Problem sind die TV-Sender, die immer mehr Quoten machen wollen mit halb nackten Mädchen. Die Glücklichsten im Fernsehstudio sind die Kameraleute. Die bekommen so viele Blowjobs, wie sie nur wollen. Wenn sie den sogenannten Veline, den Mädchen fürs Rahmenprogramm, ein Close-up versprechen, dann lutschen sie dir den Schwanz noch vor dem Morgenkaffee. Und das Schöne daran: Die Mütter wissen es, aber es ist ihnen egal, solange ihre Mädchen im Fernsehen auftreten. Sie liefern ihre Prinzesschen persönlich im TV-Studio ab. Das nur so als Anhängsel zum Thema Doppelmoral und Heuchelei.

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